Ausstellung: 8. April bis 29. Mai 2005

"Boxer, 1929"

Austellung in Zusammenarbeit mit der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

Unter dem Titel "August Sander: Portraits und Landschaften" widmet sich die Ausstellung mit über 100 Exponaten zwei wichtigen, thematisch unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen des heute weltweit berühmten Photographen. Während das Portraitfach mit 60 Photographien aus Sanders Zyklus "Antlitz der Zeit" abgedeckt wird, lassen sich 45 Aufnahmen seinem Landschaftswerk zurechnen, die speziell für den Ausstellungsort in Neuwied ausgewählt wurden und zu einem großen Teil nun erstmalig in der Städtischen Galerie Mennonitenkirche gezeigt werden können. Bei den Photographien handelt es sich sämtlich um Leihgaben aus der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, die nun bereits seit über zehn Jahren den Nachlaß des Photographen betreut. 

Der Ausstellungspart "Antlitz der Zeit" folgt dem gleichnamigen Buch, mit dem Sander Ende 1929 eine Vorausschau auf sein umfangreiches und konzeptuell angelegtes Werk "Menschen des 20. Jahrhunderts" veröffentlichte. 60 Portraits werden darin vorgestellt, welche in die Zeitspanne von 1910 bis zum Erscheinungsjahr des Bildbandes datieren, erschienen bei dem in Kunstkreisen hoch angesehenen Kurt Wolff/Transmare Verlag in München. Im Ganzen betrachtet erweist sich dieses eigens von Sander zusammengestellte Konvolut als eine anschauliche Beschreibung  eines vielschichtigen Gesellschaftsbildes der Weimarer Zeit; im Einzelnen treten dem Betrachter unterschiedliche Menschen sowohl als Individuen und mit ihren Eigenheiten als auch als seinerzeit typische Mitglieder einer Gesellschafts- oder Berufsgruppe vor Augen - eine doppelwertige Form der Gestaltungs- und Sehweise, für die August Sanders Schaffen wohl einzigartig steht. Eine weitere Pointierung gewinnen Sanders photographische Portraits zudem durch  ihre Bildunterschriften wie beispielsweise Jungbauern, Boxer, Konditor, Handlanger, oder Corpsstudent, mit denen Sander seine Aufnahmen unter Hervorhebung des von ihm herausgearbeiteten Typus bezeichnete - Titel, die  heute die Ikonen seiner Portraitkunst repräsentieren.  

 Entsprechend seiner Zielsetzung nahm August Sander seine Modelle in verschiedensten Umgebungen auf: Zum einen entstanden Aufnahmen aufgrund von unvorhergesehenen Begegnungen auf der Straße oder in freier Natur, in anderen Fällen handelt es sich um Bilder, die nach vorheriger Absprache im Zuhause der Abgebildeten oder in Sanders Atelier aufgenommen wurden. Stets jedoch wählte Sander die Pose, und oftmals sind es die in die Bildkomposition in prägnanter Weise einbezogenen Beiwerke - ein Stock, eine Blume, ein Werkzeug oder auch ein Kleidungstück -, welche die Menschen in ihrer Zugehörigkeit zu einem Berufsstand oder zu einer gesellschaftlichen Schicht kennzeichnen.
Mit "Antlitz der Zeit" gelang August Sander ein großer Erfolg, der in zahlreichen zeitgenössischen Rezensionen hervorgehoben wurde und ihn in seinem Schaffen soweit bestärkte, daß er in der gegenwärtigen Kunstrezeption vor dem Hintergrund eines enormen Gesamtwerks als einer der großen Pioniere der Photographie geehrt wird. Auch die Beschlagnahmung von "Antlitz der Zeit" im Jahre 1936 - die Druckstöcke wurden von den Nationalsozialisten zerstört und ein Auslieferungsverbot verhängt - konnte Sanders Ruhm nicht entgegenstehen. Durch sein sachlich orientiertes Sehen, die Hervorhebung der dokumentarischen Qualität seines Mediums, hat er die Photographie in ihrem künstlerischen Stellenwert bestärkt und einen deutlichen Einfluß auf die weitere Photographie- und Kunstentwicklung genommen. Daß "Antlitz der Zeit" ein außerordentliches, über das Sujet des Portraits weit hinausweisendes Werk ist, darauf machte der Schriftsteller Alfred Döblin bereits in seiner Einführung zu Sanders Buch mit folgenden Worten aufmerksam: "Man hat vor sich eine Art Kulturgeschichte, besser Soziologie, der letzten dreißig Jahre. Wie man Soziologie schreibt, ohne zu schreiben, sondern indem man Bilder gibt, Bilder von Gesichtern und nicht etwa Trachten, das schafft der Blick dieses Photographen, sein Geist, seine Beobachtung, sein Wissen und nicht zuletzt sein enormes photographisches Können. Wie es eine vergleichende Anatomie gibt, aus der man erst zu einer Auffassung der Natur und der Geschichte der Organe kommt, so hat dieser Photograph vergleichende Photographie getrieben und hat damit einen wissenschaftlichen Standpunkt oberhalb der Detailphotographen gewonnen." 

August Sanders Landschaftswerk stand lange Jahre im Schatten seiner Portraits. Eine Veränderung dieser Perspektive bewirkte unter anderem eine in der Kölner Photographischen Sammlung konzipierte Ausstellung im Jahre 1999. In dieser wurde nicht nur Sanders Schaffen in verschiedenen Regionen Deutschlands - im Siebengebirge, am Mittel- und Niederrhein, im Westerwald, der Eifel, an der Mosel, in Westfalen und im Bergischen Land - vorgestellt, sondern auch verdeutlicht, daß das Sujet der Landschaft von Sander bereits seit seiner frühen Berufslaufbahn Bearbeitung fand. International große Beachtung fand Sanders Landschaftswerk darüber hinaus erst kürzlich in einer Ausstellung in der Phillips Collection, Washington DC, die neben den Landschaften auch viele Naturstudien des Photographen einbezog. Vielfach war die Bedeutung der Landschaft in Sanders Schaffen insofern mißverstanden worden, als daß angenommen wurde, es handelte sich dabei um einen Arbeitsbereich, dem sich der Photograph vornehmlich in der Zeit des Nationalsozialismus gewidmet hätte, um Ruhe und Ausgleich zu finden oder vielleicht weniger Angriffsfläche zu bieten, als er es mit seinen Portraits getan hatte. Plausibel erschien dieser Erklärungsansatz, denkt man an die Verhaftung seines Sohnes Erich im Jahre 1934 und die später erfolgten Sanktionen bezüglich des Buches "Antlitz der Zeit". Doch aufgrund der neueren Forschungsarbeit können jedoch bereits Landschaften in Sanders Frühwerk nachgewiesen und auch mehrere im Archiv des Photographen erhaltene Mappen belegen seine frühe und kontinuierliche Fortsetzung seiner Arbeit auf diesem Gebiet, das er seinem Portraitwerk als eine Art konzeptuelles Pendant anbeistellte. Dies macht eine Passage deutlich, die Sander in einem Typoskript für einen im Jahre 1931 gehaltenen Vortrag im Westdeutschen Rundfunk festhielt: "Haben wir somit die Physiognomik der Menschen geschildert, so gehen wir jetzt über zu den Gestaltungen, also den Werken des Menschen, beginnen wir mit der Landschaft. Auch ihr drückt der Mensch seinen Stempel auf durch seine Werke, so daß sie sich ebenfalls wie die Sprache aus den Bedürfnissen heraus entwickelt; er verändert dadurch oft das biologisch Gewordene. Auch in der Landschaft erkennen wir wiederum den menschlichen Geist einer Zeit, den wir vermittels des photographischen Apparates erfassen können. Ähnlich verhält es sich mit der Architektur und Industrie sowie mit allen menschlichen Werken im Großen und Kleinen."

Für die aktuelle Ausstellung wurden verschiedene Rhein-, Natur- und Ortsansichten, zwischen Köln und der Marksburg bei Braubach ausgewählt, die die unterschiedlichen Blickwinkel spiegeln, mit denen sich Sander dem übergeordneten Thema näherte. So begegnet der Ausstellungsbesucher weiten panoramatischen Überblicksaufnahmen unter anderem aus dem Siebengebirge; Architekturen und Plätzen in den Orten Linz am Rhein, Fahr-Irlich oder Koblenz; Sehenswürdigkeiten deutscher Kulturgeschichte wie etwa dem Dom zu Andernach oder dem Schloß zu Neuwied und schließlich auch einer Photographie aus der Vergangenheit der Neuwieder Mennonitenkirche - insofern fast ein Comeback für August Sander.

Gabriele Conrath-Scholl

 

Kurzbiographie von August Sander

August Sander: Schloss Neuwied

1876
August Sander wird am 17. November in Herdorf geboren.

1890-1896
Arbeit als Haldenjunge auf dem Gelände einer Herdorfer Eisenerzgrube. Dort macht er die Bekanntschaft mit einem Siegener Berufsphotographen, die sein Interesse für die Photographie auslöst. Kauf der ersten eigenen Photoausrüstung.

1896-1901
Militärzeit und Tätigkeit für den Trierer Photographen Georg Jung. Wanderjahre u. a. nach Berlin, Magdeburg, Halle, Dresden, Leipzig, verbunden mit Atelierbesuchen und entsprechender Mitarbeit. Tätigkeit für die Photographische Kunstanstalt Greif in Linz a. D. (Österreich), die er im Folgejahr übernimmt.

1902-1909
In seine Linzer Zeit fällt die Heirat mit Anna Seitenmacher (1902), die Geburt der Söhne Erich (1903) und Gunther (1907) sowie zahlreiche Ausstellungen und Ehrungen für photographische Verdienste.

1910-1920
Umzug nach Köln. Geburt der Tochter Sigrid (1911). Aufbau des Atelierbetriebs in Köln-Lindenthal, Dürener Straße 201, der durch Sanders Einberufung zum Kriegsdienst (1914-1918) erschwert wird.

seit 1920
Kontinuierliche Erarbeitung neuer photographischer Methoden und Konzepte, Bekanntschaft mit der Gruppe Progressiver Künstler. Die Idee für sein großes Portraitwerk Menschen des 20. Jahrhunderts reift. Als Vorausschau darauf erscheint das Buch Antlitz der Zeit (1929), das später auf Veranlassung der Nationalsozialisten nicht mehr ausgeliefert werden darf und dessen Druckstöcke zerstört werden (1936). Neben Sanders Portraits entstehen zahlreiche Landschafts- und Architekturaufnahmen, Botanische Studien sowie Detailstudien, die zum Teil in Büchern, Zeitschriften und Ausstellungen veröffentlicht werden.

1944-1946
Sein Sohn Erich, der 1934 verhaftet worden war, stirbt als politisch Verfolgter im Siegburger Zuchthaus (1944), das Kölner Atelier wird durch Bombenangriffe zerstört. Schrittweiser Umzug nach Kuchhausen (Westerwald). Dabei wird ein wichtiger Teil von Sanders photographischem Werk gerettet. Fortsetzung seiner photographischen Tätigkeit.

1951-1962
Ausstellung mit Arbeiten von August Sander auf der zweiten photokina (1951). Verkauf des Mappenwerkes Köln, wie es war an die Stadt Köln (1953). Teilnahme an der von Edward Steichen kuratierten Wanderausstellung The Family of Man (1955). Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Herdorf (1958). Sonderausgabe der Schweizer Monatsschrift DU (1959). Bundesverdienstkreuz erster Klasse und Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (1960/61). Erscheinen des Buches Deutschenspiegel (1962).

1957
Tod seiner Frau Anna Sander in Kuchhausen

1964
August Sander stirbt am 20. April in Köln nach einem Schlaganfall.

Literaturempfehlung

August Sander. Antlitz der Zeit. 60 Aufnahmen deutscher Menschen des 20. Jahrhunderts. Mit einer Einleitung von Alfred Döblin. München: Transmare Verlag 1929. Neudr.: München: Schirmer/Mosel Verlag 2003
August Sander. Landschaften Hrsg. Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln. Text: Olivier Lugon, München, Paris, London: Schirmer/Mosel, 1999

August Sander: Menschen des 20. Jahrhunderts: Ein Kulturwerk in Lichtbildern eingeteilt in sieben Gruppen. Hrsg.: Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln. Bearbeitet und neu zusammengestellt von Susanne Lange, Gabriele Conrath-Scholl, Gerd Sander, 7 Bände (dt., engl. u. frz.) München: Schirmer/Mosel, 2002


August Sander im Internet:
www.photographie-sk-kultur.de
www.herdorf.de
www.schirmer-mosel.de

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag
14.00 bis 18.00 Uhr
Samstag und Sonntag
11.00 bis 18.00 Uhr
Gruppen nach Vereinbarung
Infos: Petra Neuendorf, Tel. 02631-802468

Ausstellungsdauer: 8. April bis 29. Mai 2005

StadtGalerie
in der ehemaligen Mennonitenkirche
Schlossstraße 2
56564 Neuwied
Telefon: 02631/20687

August Sander: Portraits und Landschaften ist eine Ausstellung der Städtischen Galerie Mennonitenkirche Neuwied, Schlossstr. 2 in Zusammenarbeit mit der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln.
© der Werke von August Sander: Die Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur - August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2005.   

Rahmenprogramm

Dem Lebenswerk von August Sander ist ein Film gewidmet, den die städtische Galerie im Rahmenprogramm zur Ausstellung zeigt:

Mittwoch, 13. April, und Mittwoch, 27. April
jeweils 19 Uhr
August Sander - Menschen des 20. Jahrhunderts
Film von Reiner Holzemer (2002)
Reiner Holzemer porträtiert in seinem Film Leben und Werk von August Sander, der heute als der international renommierteste deutsche Fotograf des letzten Jahrhunderts gilt. Er verfolgt Sanders Spuren im Westerwald, in den Auenlandschaften des Rheins und in Köln. Einzigartige Interviews mit Zeitzeugen aus Sanders unmittelbarem Umkreis prägen den Film. Holzemer sprach unter anderem mit dem Enkel des Fotografen, Gerd Sander, der in enger Kooperation mit der Kölner SK Stiftung das Lebenswerk seines Großvaters im Jahr 2002 veröffentlichte. Sie alle lassen den Menschen hinter den "Menschen des 20. Jahrhunderts" lebendig werden.

Der Film wird gezeigt im Dachstudio der Galerie Mennonitenkirche, Schlossstr. 2, 56564 Neuwied.
Eintritt: 3 Euro

Ausführliche Infos zur Ausstellung gibt's auch in diesem Download