Bibliotheken - Gradmesser für Geist und Kultur

75 Jahre: Von der Volksbücherei zur StadtBibliothek Neuwied 

Wir schreiben das Jahr 1936, Margaret Mitchell hat gerade ihren Bestseller "Vom Winde verweht" veröffentlicht und in Neuwied wird ein bedeutender Schritt zur "Belebung des geistigen Lebens" getan. So jedenfalls beschrieb man seinerzeit die Eröffnung der Volksbücherei. Zweimal die Woche von 17 bis 18.15 Uhr hatten Bürger Gelegenheit, sich ein gutes Buch auszuleihen. Heute, 75 Jahre später, ist das Angebot doch etwas großzügiger: 40 Stunden die Woche ist die StadtBibliothek im Historischen Rathaus geöffnet.

Ganz aktuell im rund 30.000 Medien zählenden Bestand der Neuwieder StadtBibliothek: der neue Bildband über die Deichstadt. Bibliotheks-Leiterin Barbara Lippok, Pressesprecher Erhard Jung, der zu dem Autoren-Team des Buches gehört, und Beigeordneter Jürgen Moritz (v.l.n.r.) laden dazu ein, in dem Band zu blättern.

Die Öffnungszeiten sind aber nicht etwa der einzige Unterschied zwischen damals und heute beim Blick zurück auf 75 Jahre Bibliothek in Neuwied. Als zum Beispiel die Mitarbeiter jener Volksbücherei im Juni 1937 erstmals Halbjahresbilanz zogen, zählten sie 2505 Entleihungen. Die Bürger konnten wählen aus rund 3.000 Büchern. Und zwar aus den Kategorien "Unterhaltsame Literatur" und "Belehrende Literatur". 

Heute haben Bibliotheks-Leiterin Barbara Lippok und ihr Team in der aktuell vorgelegten Halbjahresbilanz 2011 mehr als 100.000 Entleihungen vorzuweisen. Oder anders formuliert: Was seinerzeit in einem halben Jahr ausgeliehen wurde, wandert heute an drei Tagen über die Theke. An Spitzentagen können es sogar schon mal mehr als 1.200 Ausleihen sein. Also innerhalb von acht Stunden! Und der Bestand der Neuwieder Stadtbibliothek - längst nicht mehr nur Bücher, sondern auch Zeitschriften, Hörbücher und DVD - hat sich gegenüber dem vor 75 Jahren ziemlich genau verzehnfacht. 

In der Zeitung fand damals auch die "anheimelnde, beinahe gemütliche" Gestaltung der Bücherei großes Lob. Von einem "Schmuckkästchen" war sogar die Rede. Weniger anheimelnd dagegen der Spruch, den man auf einem Zeitungsfoto erkennen kann und der oberhalb des so genannten "Ausleihfensters" prangte: "Das Buch ein Schwert des Geistes", hieß es dort in der Sprache jener Zeit. Übrigens hat die StadtBibliothek dieser Tage einen Neuanstrich der Räume genutzt, um ebenfalls einen Spruch anzubringen: "Bibliotheken rechnen sich nicht - aber sie zahlen sich aus". 


So betont auch der zuständige Dezernent, Beigeordneter Jürgen Moritz, dass "es wohl kaum eine geeignetere Art und Weise gibt, sinnvolle Wege durch die regelrechte Informationsflut der heutigen Zeit aufzuzeigen als mit der bürgerfreundlichen Serviceeinrichtung einer öffentlichen Bibliothek". Bibliotheken unterstützten somit die Ausbildung in Schulen und förderten die berufliche und persönliche Weiterbildung, fügt Moritz hinzu. Alles Aspekte, die nach Überzeugung des Beigeordneten noch an Bedeutung gewinnen angesichts der aktuellen Diskussionen über den Wert von Bildung und Weiterbildung für unsere Gesellschaft.   

Oder, um es mit den Worten von Heinrich von Kleist zu sagen und damit noch einen Spruch loszuwerden: "Nirgends kann man den Grad der Kultur einer Stadt und überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller und doch zugleich richtiger kennen lernen als - in den Lesebibliotheken." 

 

 

„Sehr vergnügliche Reise zum guten Buch“

Zeitung aus dem Jahr 1936
Bibliothek 1937
Bibliothek 50er Jahre
Bibliothek 50er Jahre
Bibliothek 50er Jahre - Nach der Schlacht am Montagnachmittag
Bibliothek 50er Jahre
Jugendbücherei 60er Jahre
Bibliothek 70er Jahre

Neuwieder StadtBibliothek blickt auf 70-jähriges Bestehen

Eingepackt in schützendes Papier sollten die Bücher ausgehändigt werden. Gleiches galt für die Rückgabe am Ende der dreiwöchigen Leihfrist.  Zwar ist ein derart schonender Umgang nach wie vor wünschenswert, verpackt werden können Bücher, Zeitschriften und andere Medien heute aber leider nicht mehr. Wäre auch kaum möglich angesichts einer jährlichen Ausleihe von weit über 200.000. Jenes Einpack-Gebot stammt aus den Anfängen der städtischen Bücherei in Neuwied. Genauer gesagt aus dem Jahr 1936, als die „Volksbücherei“ am 14. Februar mit einem Festakt im Heimathaus feierlich eröffnet wurde.

Die heutige Neuwieder StadtBibliothek kann demnach auf  ihr 70-jähriges Bestehen zurückblicken. Und da bietet sich eine kleine Exkursion in die Historie natürlich an. „Zur Belebung des geistigen Lebens in unserer Stadt“ sollte die Volksbücherei beitragen, hieß es in jener Gründerzeit.
Dazu standen etwa 2.500 Bände in den Regalen. 10 Pfennig betrug die Leihgebühr pro Buch, Kinder und Jugendliche zahlten die Hälfte. Die „Reise zum guten Buch“ erschien in der Städtischen Volksbücherei also „billig und sehr vergnüglich“, wie die lokale Zeitung es umschrieb. 

Untergebracht war die Bücherei in zwei Räumen - einem Vorraum und einem so genannten Magazinraum - des einstigen Gymnasiums an der Ecke Marktstraße/Engerser Straße. Und damit gar nicht so weit entfernt von ihrem heutigen Domizil im Historischen Rathaus in der Pfarrstraße.

In besagtem Vorraum lagen auf mehreren runden Tischen die mit Maschine geschriebenen Kataloge aus. Hatte man darin das gewünschte Buch gefunden, ging man an eine Art Ausgabeschalter, an dem Schulrektor Dreibholz ehrenamtlich wirkte. An der Wand prangte - ganz im Stil der damaligen Buchwerbung durch die Nationalsozialisten - das markige Schlagwort „Das Buch - ein Schwert des Geistes“. 

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam für die Stadtbücherei das Aus. Zum Glück nur vorläufig. Denn 1956 - und somit vor runden 50 Jahren, was übrigens ein weiteres Jubiläum darstellt - konnte wieder Eröffnung gefeiert werden. Diesmal in der Hermannstraße als reine Kinder- und Jugendbücherei mit 1.400 Bänden. 1968 kam die Erwachsenen-Abteilung hinzu. Im Laufe der Zeit erwies sich dann das Raumangebot an dem Standort in der Hermannstraße als zu klein - und der Umzug ins frisch renovierte Historische Rathaus in der Pfarrstraße Ende der 90-er Jahre als Glücksfall: ein reizvolles Ambiente mit zeitgemäßer Ausstattung, das nicht zuletzt eine der Ursachen für die ständig steigenden Ausleihzahlen sein dürfte.

„Es ist im Grunde eine Erfolgsbilanz, auf  die Barbara Lippok als Leiterin und jeder Einzelne in dem Team stolz sein können“, zieht der zuständige Dezernent, Beigeordneter Jürgen Moritz, ein Fazit der Jahre seit dem Umzug in das neue Haus und lobt dabei die große Einsatzbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Immerhin wurde allein im abgelaufenen Jahr die Zahl der Entleihungen in der Bibliothek, die mittlerweile natürlich auch Hörbücher und DVD im Angebot hat, um 22 Prozent gesteigert. Was den Beigeordneten in dem Zusammenhang besonders freut: Nach Kinder- und Jugendbüchern wurde 66.000 Mal gegriffen. Dies entspricht einer Steigerung von 12,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Mit Blick auf die Diskussionen über den Bildungsstand unserer jüngeren Generation ist dies für mich die wichtigste Zahl“, betont Jürgen Moritz.

Unterdessen leistet die Neuwieder StadtBibliothek aber auch einen Beitrag zur Integration. Denn die Zahl der Leserinnen und Leser ausländischer Herkunft im täglichen Besucherstrom steigt. Beigeordneter Moritz: „Hier wird deutlich, dass unsere Bibliothek nicht mehr nur eine wichtige Aufgabe als Bildungseinrichtung hat, sondern längst auch eine gesellschaftspolitisch bedeutende Funktion wahrnimmt, indem sie ausländischen Mitbürgern unter anderem die Möglichkeit eröffnet, sich mit Sprache, Kultur und Geschichte ihrer neuen Heimat zu befassen.“