Drei Jahre nach der Verleihung des Siegels „Kinderfreundliche Kommune“ zieht die Stadt Neuwied eine deutlich positive Bilanz: Zwölf der 14 Maßnahmen des Aktionsplans wurden umgesetzt, eine weitere teilweise und eine in Ansätzen. Mindestens genauso wichtig: Aus vielen einzelnen Maßnahmen sind dauerhafte Strukturen, neue Formen der Beteiligung und eine engere Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung entstanden. Kinder und Jugendliche werden stärker in Entscheidungen einbezogen.
„Wir haben 2023 nicht einfach ein Siegel bekommen und anschließend 14 Aufgaben abgearbeitet“, betont Oberbürgermeister Jan Einig. „Wir haben in diesen drei Jahren Strukturen verändert und die Perspektive von Kindern und Jugendlichen stärker in unserer Stadt verankert. Heute fragen wir bei vielen Entscheidungen selbstverständlicher als früher: Was bedeutet das eigentlich für Kinder und Jugendliche? Genau darin liegt für mich der größte Erfolg der ersten Siegelphase.“
Neuwied hatte sich 2021 auf den Weg zur Kinderfreundlichen Kommune gemacht und erhielt im September 2023 als erste Kommune in Rheinland-Pfalz das Siegel. Grundlage war ein gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen, Politik, Verwaltung und weiteren Partnern entwickelter Aktionsplan. Seine 14 Maßnahmen verteilten sich auf vier Schwerpunkte: Vorrang des Kindeswohls, kinderfreundliche Rahmenbedingungen, Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sowie das Recht auf Information und Monitoring.
Dabei ging es nicht nur um zusätzliche Angebote. Kinder und Jugendliche sollten stärker an Entscheidungen beteiligt werden, die ihre Lebenswelt betreffen. „Kinder und Jugendliche sind Experten ihrer eigenen Lebenswelt“, sagt Bürgermeister Peter Jung. „Sie sehen Dinge, die Erwachsene anders oder manchmal überhaupt nicht wahrnehmen. Kinderfreundlich wird eine Stadt deshalb nicht dadurch, dass wir nur etwas für junge Menschen tun. Wir müssen Dinge gemeinsam mit ihnen entwickeln und ihnen echte Möglichkeiten geben, Einfluss zu nehmen.“
Wie das funktioniert, zeigen mehrere Projekte der vergangenen Jahre. Beim Format „Frag doch mal den Bürgermeister“ kommen beispielsweise jährlich rund 240 Kinder und Jugendliche unmittelbar mit Jung ins Gespräch und können Fragen, Wünsche und Kritik vorbringen. Bei der Spielraumplanung ist ihre Beteiligung inzwischen durch einen einstimmigen Stadtratsbeschluss verbindlich vorgeschrieben. Mit „Check dein Viertel“ untersuchen junge Menschen ihre Stadtteile und zeigen, wo sie sich gerne aufhalten, was ihnen fehlt oder wo sie Probleme im Straßenverkehr sehen. Das Jugendbudget „Lasst uns mal ran!“ stellt ihnen zudem finanzielle Mittel für eigene Projektideen zur Verfügung. Auch die Woche der Kinderrechte und der Kinderrechte-Koffer bringen das Thema in Kitas und Schulen. An der Woche der Kinderrechte beteiligten sich 2024 fast 1.000 Kinder aus 23 Einrichtungen.
Ein besonderes Ergebnis der Siegelphase sind Entwicklungen, die ursprünglich überhaupt nicht zu den 14 Maßnahmen gehörten. So entstand mit dem „Neuwieder Weg“ ein Fördermodell, für das insgesamt 60.000 Euro zur Verfügung standen. Mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche profitierten von gemeinsam mit ihnen entwickelten Angeboten in den Bereichen Bewegung, Gesundheit, Bildung, Freizeit und Kultur. Auch die drei Familiengrundschulzentren an Marienschule, Geschwister-Scholl-Schule und Sonnenlandschule knüpfen an Erkenntnisse aus der Kinderfreundlichen Kommune an.
Verändert hat sich zugleich die Zusammenarbeit innerhalb der Stadtverwaltung. Mit der Taskforce „Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt“ wurde eine feste Struktur geschaffen, in der unter anderem Jugendamt, Schulverwaltung, Bauverwaltung und Jugendhilfeplanung zusammenarbeiten.
„Kinderfreundlichkeit ist keine Aufgabe eines einzelnen Amtes“, unterstreicht Beigeordneter Ralf Seemann. „Wenn wir sie ernst nehmen, betrifft sie Verkehrsplanung und Stadtentwicklung genauso wie Jugendhilfe, Finanzen oder öffentliche Räume. Kinder wachsen schließlich nicht in Verwaltungszuständigkeiten auf. Deshalb müssen auch wir über Zuständigkeitsgrenzen hinweg denken.“
Zwei Vorhaben konnten vollständig umgesetzt werden. Die Maßnahme „Mehr Tempo beim Kita-Ausbau“ wurde teilweise erreicht. Standorte wurden identifiziert und Prioritäten entwickelt,. Aufgrund von gegensätzlichen Entwicklungen, zb. in der Trägerstruktur von Kindertagesstätten, gesetzlichen Vorlagen und kurzfristigen Sanierungsbedarfen, die durch die Stadt abgefangen werden mussten, konnte das ursprünglich angedachte Tempo aber nicht erreicht werden, so wie man es sich wünschte. Auch bei „Sicher zu Kitas und Schulen“ entstand die ursprünglich geplante organisatorische Struktur noch nicht, da die dafür notwendige Stelle eines Mobilitäsmanagers nicht besetzt werden konnte. Das Thema wurde dennoch weiterbearbeitet und unter anderem mit „Check dein Viertel“ verknüpft. Dadurch fließt die Sicht von Kindern auf Gefahrenstellen, Querungen und Schulwege in die Betrachtung ihrer Stadtteile ein. Der Ausbau der Kindertagesbetreuung wird unabhängig vom Programm als kommunale Daueraufgabe fortgeführt.
Für Projektkoordinatorin Sonja Jensen zeigt gerade die Entwicklung über die einzelnen Maßnahmen hinaus, was in den drei Jahren erreicht wurde: „Wir sind mit 14 konkreten Maßnahmen gestartet. Heute sehen wir, dass daraus viel mehr entstanden ist: neue Kooperationen, neue Verfahren und ein anderes Bewusstsein dafür, Kinderrechte von Anfang an mitzudenken. Kinderfreundlichkeit ist damit zunehmend vom Projekt zu einem gemeinsamen kommunalen Handlungsansatz geworden.“
Dazu gehört auch eine deutlich bessere Datengrundlage. Im Rahmen von „Aus Daten werden Fakten“ wurden neue Möglichkeiten geschaffen, soziale Lebenslagen kleinräumig zu betrachten. Diese Daten sollen künftig zu einem dauerhaften sozialräumlichen Monitoring weiterentwickelt werden, damit Bedarfe früher erkannt und Angebote zielgerichteter geplant werden können.
Mit dem Ende der ersten Siegelphase soll der eingeschlagene Weg deshalb nicht enden. In zwei Zukunftswerkstätten haben Kinder, Jugendliche sowie Vertreter aus Politik, Verwaltung und freien Trägern bereits Ideen und mögliche Schwerpunkte für die weitere Entwicklung gesammelt. Über eine Fortsetzung des Programms entscheidet der Stadtrat. Im Anschluss könnte erneut gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen sowie den weiteren Beteiligten ein zweiter Aktionsplan entwickelt werden.
„Wir sind stolz auf das, was in diesen drei Jahren entstanden ist. Mein Dank gilt allen Mitarbeitern, den Kindern und Jugendlichen und den vielen Partnern, die daran mitgewirkt haben“, sagt Oberbürgermeister Einig. „Aber Kinderfreundlichkeit ist kein Projekt mit Enddatum. Unser Ziel muss sein, das Bewährte zu sichern, Strukturen weiterzuentwickeln und Kinder und Jugendliche auch künftig konsequent an der Gestaltung ihrer Stadt zu beteiligen.“
Öffentliche Vorstellung der Ergebnisse am 25. August
Die Ergebnisse der ersten Siegelphase werden am Dienstag, 25. August, im Rahmen der öffentlichen Sitzung des Jugendhilfeausschusses vorgestellt. Die Sitzung beginnt um 16.30 Uhr im Amalie-Raiffeisen-Saal der Volkshochschule Neuwied. Ab ca. 17 Uhr ist die Öffentlichkeit ausdrücklich eingeladen, die Ausstellung zu den 14 Maßnahmen zu besichtigen und mit den Projektverantwortlichen ins Gespräch kommen.