Der Gruppenraum hat keine Wände. Dafür hat er Wurzeln und unebenen Boden, einen Bach, eine Streuobstwiese und vor allem viele Bäume: Wenn im Herbst die neue städtische Waldkita in Segendorf eröffnet, wird für bis zu 20 Kinder die Natur zum täglichen Bildungs-, Spiel- und Erlebnisraum. „Man muss hier nicht erst eine Umgebung schaffen, in der Kinder entdecken und lernen können. Die Natur bietet sie uns jeden Tag aufs Neue“, sagt Justus Schultze, der das vierköpfige Team der neuen Kita in Segendorf leitet. Genau darin liegt für ihn der besondere Reiz der Waldpädagogik. Wetter und Jahreszeiten, Tiere und Pflanzen, unterschiedliche Böden und immer neue Situationen sorgen dafür, dass die Kinder ihre Umgebung mit allen Sinnen erleben. Dabei geht es um mehr als darum, die Natur kennenzulernen. Wer über Wurzeln steigt, einen Hang hinunterläuft oder auf unebenem Boden das Gleichgewicht hält, trainiert Motorik und Wahrnehmung. Wer gemeinsam etwas baut, neue Spielorte erkundet oder Konflikte löst, entwickelt soziale Fähigkeiten. Und wer Tiere beobachten möchte, muss innehalten, genau hinschauen und zuhören.
Gleicher Bildungsauftrag wie bei jeder anderen Kita
Die Waldkita erfüllt den gleichen Bildungsauftrag wie jede andere Kindertagesstätte. Sprache und Musik, Kreativität, Bewegung und soziales Lernen gehören ebenso zum Alltag wie die Vorbereitung auf die Schule. Vieles findet jedoch nicht in einem klassischen Gruppenraum statt, sondern unmittelbar in der Natur. „Unsere städtischen Kitas nutzen bereits heute die Möglichkeiten der Naturraumpädagogik, beispielsweise bei Waldtagen oder Waldwochen“, sagt Anke Dierdorf, Abteilungsleiterin „Kitas“ im städtischen Jugendamt. „Mit der neuen Waldkita schaffen wir nun ein zusätzliches Angebot für Familien, die sich bewusst und dauerhaft für dieses pädagogische Konzept entscheiden.“ Das Team will den Kindern viel Raum für eigene Spielideen geben. „Wir Fachkräfte begleiten sie, geben Sicherheit und setzen notwendige Grenzen. Aber die Kinder bilden sich zu einem großen Teil selbst“, erklärt Justus Schultze.
Ein Team mit unterschiedlichen Stärken
Dafür bringt das vierköpfige Team unterschiedliche Erfahrungen und Qualifikationen mit. Justus Schultze selbst ist Erzieher und Kinderschutzfachkraft, war viele Jahre in der ambulanten Jugend- und Familienhilfe tätig und hat bereits drei Jahre in einer Waldkita in Rheinbach gearbeitet. Im Oktober absolviert er eine spezielle Fortbildung zur Leitung einer Waldkita. Die drei weiteren Fachkräfte ergänzen das Team mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Silke Ufer ist Erzieherin sowie Natur- und Umweltpädagogin und bringt unter anderem Erfahrungen aus der Erlebnispädagogik und Sprachförderung mit. Violetta Richard kommt ursprünglich aus dem Handwerk (Kunstglaser-Meisterin), hat Kunst studiert und arbeitet seit 2022 im Waldkita-Bereich. Astrid Maxein ist Erzieherin, verfügt unter anderem über eine Zusatzqualifikation im Bereich Sprache und befindet sich derzeit in der Weiterbildung zur Wald- und Erlebnispädagogin.
Kinderfreundliche Kommune: Vielfalt der Betreuungsangebote wächst
„Die Waldkita erweitert die Vielfalt unserer Betreuungsangebote in Neuwied“, freut sich Bürgermeister Peter Jung. „Familien und Kinder sind unterschiedlich – und genauso dürfen auch gute pädagogische Konzepte unterschiedlich sein. Wir schaffen hier eine weitere Wahlmöglichkeit und nutzen gleichzeitig etwas, das wir direkt vor der Haustür haben: einen großartigen Naturraum.“
Als „Kinderfreundliche Kommune“ legt die Stadt Neuwied besonderen Wert darauf, Kindern gute Bedingungen zum Aufwachsen, Lernen und Entdecken zu bieten.
Noch Plätze frei – auch ein Wechsel ist möglich
Bis zu 20 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren können die Waldkita besuchen. Die Eröffnung ist für den Herbst vorgesehen. Anmeldungen sind bereits möglich, und es sind noch Plätze frei.
Das Angebot richtet sich ausdrücklich auch an Familien, deren Kind derzeit bereits eine andere Kindertagesstätte in Neuwied besucht. Ein Wechsel in die Waldkita ist möglich. Interessierte Eltern können sich zunächst über das Konzept informieren und gemeinsam mit dem Team schauen, ob die Waldkita zu ihrem Kind und ihrer Familie passt. Weitere Informationen erhalten interessierte Eltern direkt bei Leiter Justus Schultze unter Telefon 0162 2041147 oder per E-Mail an jschultze@neuwied.de.
So sieht ein Tag in der Waldkita aus
Zwischen 7.30 und 8.30 Uhr kommen die Kinder am Standort der Waldkita am Rande des Segendorfer Parkwaldes an. Dort startet die Gruppe gemeinsam in den Tag. Nach dem Morgenkreis geht es hinaus. Welcher Platz angesteuert wird, hängt auch von Wetter, Jahreszeit und den Interessen der Kinder ab. Frühstück, Entdecken, Beobachten und vor allem ausgiebiges freies Spiel finden überwiegend draußen statt. Gegen 13 Uhr kehrt die Gruppe zurück, anschließend können die Kinder bis 14.30 Uhr abgeholt werden.
Der moderne Wagen am Standort dient als Treffpunkt sowie als Schutz-, Arbeits- und Aufenthaltsraum. Er verfügt über Heizung, Strom, Wasser und Toiletten; im Außenbereich ist eine Beleuchtung vorhanden. Bei außergewöhnlichen Wetterlagen stehen weitere Ausweichmöglichkeiten zur Verfügung. Trotzdem macht Schultze deutlich: „Wir sind keine Bauwagen-Kita. Unser eigentlicher Raum ist die Natur.“
Und die bietet rund um den Standort besonders viele Möglichkeiten. Die erhöhte Lage, die Streuobstwiesen, Wald und Bach sowie die große Artenvielfalt schaffen ganz unterschiedliche Erfahrungsräume. Zugleich soll die Waldkita keine abgeschottete Einrichtung werden, sondern fest zu Segendorf gehören. Schon vor der Eröffnung hat Schultze Kontakte im Stadtteil geknüpft. Ortsvorsteher Dieter Bleidt unterstützt das neue Team und hat bereits verschiedene Möglichkeiten zur Vernetzung aufgezeigt. Denkbar sind beispielsweise gemeinsame Aktivitäten rund um die Streuobstwiesen. Auch die Nähe zum Museum Monrepos eröffnet Perspektiven für die pädagogische Arbeit.